Einfamilienhaus für die Bauhaus-Siedlung
Fred Forbat, Einfamilienhaus für die Bauhaus-Siedlung, perspektivische Ansicht der Eingangsseite, 1922, Bleistift Transparentpapier
Fred Forbat, Einfamilienhaus für die Bauhaus-Siedlung, Rückfront
Fred Forbat, Einfamilienhaus für die Bauhaus-Siedlung, perspektivische Ansicht der Rückfront, 1922, Bleistift Transparentpapier

Architektur und Architekturunterricht unter Walter Gropius 1919-1927

Das frühe Bauhaus mußte mit dem Paradoxon leben, daß sein Gründungsmanifest den 'Bau' zwar forderte, die dafür notwendige Architektur-Schulung jedoch nicht erteilte. Es gab lediglich Kurse im Werkzeichnen. Wenn es trotzdem am Weimarer Bauhaus einen solchen Unterricht gab, dann nur, weil Walter Gropius es zuließ, daß ein solcher in der klassischen Form der Meisterlehre von seinem Partner Adolf Meyer für Gesellen in seinem eigenen privaten Bauatelier anhand der gerade im Büro bearbeiteten Aufträge erteilt wurde.

Die Bauten von Gropius und Meyer wurden in mehrfacher Hinsicht zu 'Bauhaus-Bauten'. Zum einen hat Gropius in Vorträgen und Veröffentlichungen keine Trennlinie zwischen privaten Aufträgen und solchen an die Schule gezogen, er hat Studierende an Bauaufträgen in seinem Büro mitarbeiten lassen und immer wieder versucht, seinen Auftraggebern Produkte und Leistungen der Bauhaus-Werkstätten zu verkaufen. Die Architektur des Bauhauses war die seines Direktors. In dieser Form der Zusammenarbeit entstanden heute weltbekannte Projekte: Am Anfang steht das Haus für den Berliner Bauunternehmer und Förderer des Bauhauses Adolf Sommerfeld, später der Umbau des Theaters in Jena (beide Bauten zerstört) und die Häuser Otte in Berlin und Auerbach in Jena. International bekannt wird das Büro Gropius durch den Wettbewerbsentwurf für die Chicago Tribune.       

Nur wenige vom Büro Gropius unabhängige Projekte von Studierenden sind überliefert: Wichtig sind vor allem die Entwürfe für eine Siedlung der Bauhaus-Angehörigen. Die ersten Planungen sahen um 1920 zeitbedingt eine Anlage von Holzhäusern vor; 1922/23 wurden von Meistern und Studierenden andere Hausformen entwickelt, bei denen der zentrale Wohnraum den Mittelpunkt bildet. Dabei setzte man sich nicht nur mit neuen Bautechniken und -materialien auseinander, sondern auch mit den von Theo van Doesburg in Weimar eingeführten Gestaltungsideen. Ein solches Haus wurde für die Bauhaus-Ausstellung 1923 nach Entwürfen von Georg Muche ausgeführt, die Umsetzung seiner Ideen in eine baubare Form besorgte Adolf Meyer. Die Bauhaus-Werkstätten statteten das "Musterhaus am Horn" vollständig aus. Seine Architektur ist dabei weniger radikal als die Innenausstattung, die ganz bestimmten Vorstellungen von einem veränderten Lebensstil des neuen Menschen Ausdruck verleihen sollten.

Diese Ansätze wurden in den folgenden Jahren fortgeführt. Aus dem Rahmen fielen besonders die Entwürfe von Marcel Breuer, die kompromißlos gegen bestehende Konventionen entwickelt waren. Diese Entwürfe wurden nicht an realen Aufgabenstellungen ausgearbeitet, sondern können nur als selbstgewählte Projektionen in eine bauliche Zukunft gedeutet werden. Die ungebundene, experimentierfreudige Atmosphäre des Weimarer Bauhauses hat ein Denken über die unmittelbare Gegenwart hinaus offenbar nachhaltig gefördert.