Neben seiner ständigen Ausstellung „Die Sammlung Bauhaus. Originale der Klassischen Moderne“ zeigt das Bauhaus-Archiv jährlich mehrere Sonderausstellungen zu historischen und aktuellen Themen aus Architektur, Design und Fotografie.
Ausstellungsbegleitende Aktivitäten wie Vorträge, Workshops, Podiumsdiskussionen, museumspädagogische Kurse, Lesungen, Konzerte und Feste machen das Bauhaus-Archiv / Museum für Gestaltung zusätzlich zum lebendigen internationalen Treffpunkt und einer Plattform des kulturellen Austauschs in Berlin.
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Ab März 2012 führen unsere Exkursionen im Zusammenarbeit mit art:berlin zu Stätten der Moderne in Berlin und Umgebung.
Informationen zu den bauhaus_touren
1. Warum stellt das Bauhaus-Archiv Berlin die Katsura-Fotos von Ishimoto Yasuhiro aus?
Mit dem amerikanisch-japanischen Fotografen Ishimoto Yasuhiro steht das Bauhaus-Archiv schon länger in Kontakt. Durch seine Ausbildung am New Bauhaus in Chicago – wir besitzen außerhalb der USA die größte Sammlung zu dieser von László Moholy-Nagy gegründeten Schule – war er uns wohlbekannt und eine Ausstellung zu seinem Werk ein lang gehegter Wunsch. Eine Kooperation mit der Japan Foundation bot sich an, die eine Wanderausstellung zu den Katsura-Fotos zusammenstellte. Als Ishimoto hörte, was wir planten, machte er uns eine umfangreiche Schenkung von 55 Katsura-Fotos, sodass wir jetzt 50 Abzüge der Japan Foundation und 30 weitere aus der großzügigen Schenkung von Ishimoto präsentieren können. Eine solch umfangreiche, alle Aspekte der Katsura-Serien berücksichtigende Zusammenstellung ist einzigartig und in Europa wohl so noch nie zu sehen gewesen.
2. Was macht Ishimotos Fotografien von Katsura so außergewöhnlich?
Besucher der Ausstellung sollten keine traditionellen Architekturfotos erwarten. Ishimoto nähert sich dem Bau durch das Detail, den er in radikalen Ausschnitten, die alles Unwesentliche wegschneiden, zeigt. Die makellose Schwarz-Weiß-Technik verstärkt dazu noch den hohen Abstraktionsgrad der Aufnahmen. Trotzdem kann der Besucher immer erkennen, was da fotografiert wurde: Zusammengenommen ergeben die Aufnahmen ein ausgesprochen rundes Bild der Katsura Villen-Anlage – da kann der Fotograf ruhig auf die Totalen verzichten, die er auch gar nicht versucht hat aufzunehmen.
Ishimoto verzichtet auf repräsentative Aspekte, stattdessen überzeugen seine Bilder durch Abstufung der Grautöne, Kontraststärke und extreme Tiefenschärfe. Seine Aufnahmen sind durchkomponiert, Linien und Raster teilen die Bildfläche auf, Strukturen füllen die Flächen. Wer in dieser Ausstellung Postkartenklischees erwartet, wird enttäuscht sein.
3. Im Jahr 1960 erschien ein Bildband auf dem Markt, der die Fotografien der Villa Katsura von Ishimoto erstmals der Öffentlichkeit präsentierte. Es handelt sich um eine Gemeinschaftsproduktion, organisiert von Kenzo Tange, versehen mit einem Text von Walter Gropius und einem Layout von Herbert Bayer. Welche Bedeutung hatte diese Publikation?
Tange konzipierte ein Buch mit einer Botschaft, die das Selbstverständnis sowohl des Japan der Nachkriegszeit wie auch das der modernen Architektur der westlichen Welt betraf: Die Veröffentlichung sollte den Japanern demonstrieren, wie sehr ihre historische Architektur in einer Linie mit der Architektur der Moderne zu sehen ist und dem Westen gleichzeitig aufzeigen, dass in Japan viele Forderungen der modernen Architektur schon in Jahrhunderte alten Gebäuden erfüllt worden waren. Er erhielt dabei argumentative Unterstützung durch Walter Gropius, und Herbert Bayer organisierte das Material in einem für die damalige Zeit ungewöhnlichen Bildband. Schließlich sicherte das Hinzuziehen eines renommierten akademischen Verlegers die optimale Verbreitung des Buches.
Ishimotos Fotos bildeten die optimale optische Unterfütterung der Tangeschen Thesen. Seine Bilder ließen sich mit Hilfe einer äußerst geschickten Auswahl und Anordnung durch Tange zu einer Bildstrecke organisieren, die seine Argumentation zugunsten einer Modernisierung Japans ohne Verwestlichung perfekt bildlich umsetzte. Sie machten das Zeitlose hinter dem Historischen als Vorbild für das Heute sichtbar – und sie machten Ishimoto mit einem Schlag berühmt.
4. Sehen Sie Parallelen zwischen den Fotografien Ishimotos und den Aufnahmen des Dessauer Bauhaus-Komplexes von Lucia Moholy, welche die Fotografin in den Zwanziger Jahren im Auftrag von Walter Gropius zu Werbe- und Dokumentationszwecken anfertigte?
Ishimoto hat mit seinen Katsura-Serien Ähnliches erreicht wie Lucia Moholy mit ihren Fotos des Bauhauses: Er hat mit seinen Aufnahmen das öffentliche Bild dieser Villa festgeschrieben. Katsura ist Ishimoto – die Fotografen nach ihm bekommen sein Vorbild nicht aus Ihrem Kopf. Das geht so weit, dass sie seine Aufnahmen einfach nachstellen.
5. Einige Fotografien von Ishimoto, die das Interieur der Villa Katsura zeigen, scheinen die These zu bestätigen, dass die traditionelle japanische Architektur direkten oder indirekten Einfluss auf die Entwicklung der modernen europäischen Architektur hatte?
Auf den ersten Blick scheinen Ishimotos Fotos genau das zu zeigen, was in der westlichen Welt üblicherweise als ‚typisch japanisch‘ bezeichnet wird: leere Räume, übersichtliche Strukturen, keine Ornamente, klare Linienführung und die Lust am scheinbar Einfachen. Dies erweist sich jedoch als Vorurteil angesichts der Tatsache, dass es sich bei der Villa Katsura um einen Sonderfall innerhalb der japanischen Architektur in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts handelt – die vielen gleichzeitigen Bauten in Kyoto zeigen ein viel ‚barockeres‘ Erscheinungsbild. Die Schlichtheit von Katsura (die ja auch nur für die ersten beiden Bauabschnitte zutrifft) ist wahrscheinlich dem Bautyp ‚Landhaus‘ zu verdanken. Solche Gebäude sind auch hier in Europa traditionell einfacher als repräsentative Bauten.
Auch muss man wissen, dass es in den 1920er Jahren nur eine sehr beschränkte Kenntnis japanischer Architektur gab. Abbildungsmaterial war rar und das erste umfangreichere Buch speziell zum japanischen Haus erschien erst 1935! Danach kann man wohl davon ausgehen, dass Aufbau und Details japanischer Wohnbauten in größerem Umfang bekannt gewesen sind – ich denke da z.B. an Egon Eiermann und seinen Brüsseler Pavillon von 1958. Mir scheint jedoch diese These vom Wunschdenken seitens der Architekten wie auch der kunsthistorischen Methode angekränkelt, für alles und jedes ein Vorbild suchen zu müssen. Für die Glasfassaden der Moderne gibt es bessere Ableitungen. Wer einmal die Gelegenheit hatte, sowohl den Barcelona Pavillon als auch die Villa Katsura als Bau erleben zu können, weiß, wie sehr hier Äpfel nicht einmal mit Birnen, sondern eher mit Zollstöcken verglichen werden.
Es ist aber auch nicht zu übersehen: Die Tange-Publikation von 1960 verfestigte den Mythos einer Moderne, die von Japan gelernt hätte. Und die bildlichen Argumente von Ishimoto haben mit ihrer optischen Überzeugungskraft nicht unwesentlich dazu beigetragen. Man kann ohne große Übertreibung feststellen, dass er Katsura nicht nur für moderne Architekten und Architekturliebhaber zu einem Traum(reise)ziel gemacht hat.
6. Was macht Ishimotos Katsura-Fotos besonders, hebt sie von anderen Fotografien seiner Zeit ab?
Ishimotos Fotografien der Villa Katsura vermeiden konsequent alles Atmosphärische, alles Anekdotische, alles Zufällige; sie sind in jeder Hinsicht durchkomponierte Bilder. Eine solche Konsequenz war damals selten. Sie kann aber als Resultat seiner Ausbildung am Institute of Design – dem Nachfolger des New Bauhaus in Chicago – gesehen werden, wo neben der Beherrschung der fotografischen Technik das Abbilden bzw. das Organisieren von Strukturen zu den Grundlagen des Unterrichts in der Fotoklasse gehörte. Bei seinem Lehrer Harry Callahan kann man dies sehr gut beobachten. Als er uns seine Schenkung ankündigte, schrieb Ishimoto, dass Katsura zu fotografieren nur in der Art für ihn Sinn gemacht habe, wie er es 1954 getan hatte. Man kann die Konzeption seiner Serie also als direkten Ausfluss des gerade abgeschlossenen Unterrichts in Chicago sehen und Ishimoto sieht – wie er uns anlässlich der Schenkung schrieb – zwischen seiner Ausbildung und seiner ersten großen Fotoserie eine „schicksalhafte Verbindung“.
7. Welche der im Bauhaus-Archiv Berlin präsentierten Fotografien von Ishimoto Yasuhiro gefällt Ihnen am besten und warum?
Das kann ich nur mit dem guten alten Bonmot der Fotografin Imogen Cunningham beantworten: „The one I am going to take tomorrow“.
NEU – DIE BAUHAUS APP
Bei der kostenlosen App über das Bauhaus-Archiv handelt es sich um die erste offizielle App zum Thema Bauhaus. Die Anwendung umfasst Informationen zur Architektur des Gebäudes und zu unserer Ausstellung „Die Sammlung Bauhaus. Originale der Klassischen Moderne“. Die App zeigt über 100 Abbildungen von Werken der Künstler am Bauhaus und bietet nützliche Besucherinformationen.
Laden Sie die Applikation für iPhone und iPod touch kostenlos hier herunter.

Die Sammlung Bauhaus
Originale der Klassischen Moderne
01.01.2012 bis 31.12.2012
Eine Stadtkrone für Halle Saale
Walter Gropius im Wettbewerb
bis 9. Januar 2012
Die kaiserliche Villa Katsura
Fotografien von Ishimoto Yasuhiro
18. Januar bis 12. März 2012
Stühle ohne Beine – The International Design
Museum Munich – zu Gast im Bauhaus-Archiv
21. März bis 10. Juni 2012
Die Bauhäuslerin Benita Koch-Otte
Textilgestaltung und Freie Kunst am Bauhaus
20. Juni bis 27. August 2012
DMY Awards & Jury Selection 2012
Junges Design im Bauhaus-Archiv
12. September bis 15. Oktober 2012
Lou Scheper-Berkenkamp
31. Oktober 2012 bis 14. Januar 2013
Das Jahresprogramm 2012 steht Ihnen als Download (PDF) zur Verfügung.

