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Foto von John Graudenz
Foto von John Graudenz aus der "Vossischen Zeitung" vom 11.5.1924

Mappe für Walter Gropius "1924 18/V"

Die Anregung zu diesem einzigartigen Gemeinschaftswerk, das Walter Gropius zu seinem 41. Geburtstag am 18. Mai 1924 von sechs Bauhausmeistern überreicht wurde, ging auf László Moholy-Nagy zurück. Er gab das Thema mit einem Zeitungsfoto, auf dem die Bekanntgabe der Ergebnisse der vorangegangenen Reichstagswahl vom 4. Mai 1924 über öffentliche Rundfunkempfänger zu sehen ist.

Die Meister lieferten hierzu sechs Variationen, die auf faszinierende Weise das ganze Spektrum künstlerischer Ausdrucksformen am Bauhaus zeigen.

Paul Klee, Tempera auf grundiertem Karton
Paul Klee, Tempera auf grundiertem Karton

Paul Klees Variante bietet das hintersinnige Diagramm einer mißratenen Informationsübermittlung. Ein leuchtend roter Pfeil - als Zeichen der aus dem Trichter schallenden Botschaft - trifft auf ein fragiles "Ohr", und löst jenseits davon ein kleines grünes Ausrufezeichen aus. Die Botschaft ist angekommen, wenn auch in der Komplementärfarbe, also in ihr Gegenteil verkehrt.

Aus urheberrechtlichen Gründen keine Abbildung
Aus urheberrechtlichen Gründen keine Abbildung

Auch Oskar Schlemmer reduziert das Zeitungsphoto auf ein Schema. Unten steht das Radio in der Art einer technischen Zeichnung, oben eine Darstellung der Anatomie des Innenohres. Seitlich ist das Verhältnis der Maschine zum menschlichen Organ in einer elementaren Gleichung ausgedrückt: 1 x 1 = 1. Sender und Empfänger sind demnach im Kommunikationsvorgang vereint.

László Moholy-Nagy, Bleistift, Tusche, Aquarell
László Moholy-Nagy, Bleistift, Tusche, Aquarell

Bei László Moholy-Nagy wird aus dem Motiv eine rein konstruktivistische Komposition, die alle inhaltlichen Aspekte unberücksichtigt läßt. Stürzende Diagonalen markieren auf drei Seiten den instabilen Rahmen. Empfänger und Schalltrichter werden zu Quadrat und Kreis. Der im Foto erkennbare kahle Baum erscheint als schwarzes Kreuz, dem die weiße, schrägstehende Kreuzform als negative Projektion zugeordnet ist.

Wassily Kandinsky, Tusche, Aquarell, Deckfarben
Wassily Kandinsky, Tusche, Aquarell, Deckfarben

Wassily Kandinskys dramatische Komposition zeigt ein Gefüge aus streitenden Farben, Formen und Energien. Ein gelbes Dreieck - als Relikt des Schalltrichters - stößt von der Schräge der Fensterbank aus zur Mitte. Linienbündel setzen die durch querschießende Barrieren vielfach blockierte Bewegung diagonal fort, bis sie sich links oben in einem System ruhig schwebender Kreise verliert.

Lyonel Feininger, Tusche, Aquarell
Lyonel Feininger, Tusche, Aquarell

Lyonel Feininger verwandelt die Vorlage schließlich mit sanfter Ironie in eine seiner charakteristischen Marineszenen. An die Stelle der großstädtischen Dynamik tritt bei ihm die Idylle einer mondbeschienenen Küstenlandschaft. Aus der Fensterbrüstung ist eine Wasseroberfläche zwischen ragenden Felswänden geworden, aus einem Straßenschild die Mondsichel, aus dem Radio ein kleines Dampfschiff, aus dem Schalltrichter eine mächtige Dampfwolke.

Georg Muche, Bleistift, Tusche, Aquarell
Georg Muche, Bleistift, Tusche, Aquarell

Nur Georg Muche schildert, wenn auch andeutungsweise, die Konfrontation des Apparates mit der lauschenden Menge, also den Einsatz des neuen Massenmediums Rundfunk im Dienst der Politik. Zahllose schwarze und farbige Kreise füllen den Fensterausschnitt und entwickeln eine beunruhigende, nach vorn drängende Energie, vor der alles zurückzuweichen scheint.