Farbige Winkel und elementare Farbbeziehung, Farbstift und Collage auf Papier
Frieda Kessinger, Farbige Winkel und elementare Farbbeziehung, 1929/30

"Analytisches Zeichnen" und "Primäre künstlerische Gestaltung" bei Wassily Kandinsky 1923-1933

Wassily Kandinsky bot parallel zum Vorkursunterricht 'analytisches Zeichnen' an, bei dem von den Studenten arangierte Aufbauten aus in der Klasse vorgefundenen Gegenständen auf ihre Kompositionsprinzipien hin befragt wurden. Haupt- und Nebenspannung waren festzustellen, bildbeherrschende Elemente herauszuarbeiten und in einfachen Strichzeichnungen zu notieren. Die aus einem stillebenähnlichen Aufbau herausgearbeiteten Liniengefüge konnten bei den Studenten durchaus unterschiedlich ausfallen. Eindeutigkeit war nicht angestrebt. Unterrichtsziel war der Nachvollzug eines Abstraktionsprozesses.

Im zweiten Semester gab Kandinsky einen Kurs, der den Titel "primäre künstlerische Gestaltung" hatte. Er umfaßt in seiner voll entwickelten Form auch Ansätze zu einer Designtheorie. Am Anfang standen die Grundlagen eines Bildaufbaues, die Funktionen des Zentrums und der Ränder und die Eigenschaften von Linien, Flächen und Körpern.

Berühmt geworden ist sein Farbunterricht, vor allen Dingen seine Zuordnung der drei Grundfarben Gelb, Rot und Blau zu den Grundformen Dreieck, Quadrat und Kreis. Kandinsky erläuterte im Unterricht den Aufbau der verschiedenen Farbsysteme, wies auf farbpsychologische Probleme hin und behandelte die Eigenschaften der Nichtfarben schwarz und weiß. Die Systematik des Unterrichts wie auch die Möglichkeit des Nachvollzugs des Lernstoffes durch die Studierenden ist aus den oft mit Kommentaren versehenen und sorgfältig auf optische Wirksamkeit angelegten Ausarbeitungen ersichtlich.

Kandinsky war jedoch kein Dogmatiker, die von ihm vorgestellten Gestaltungsmöglichkeiten relativierte er oft und ließ andere Lösungen zu. Die von ihm favorisierte Zuordnung von Farben und Formen ist nur ein Teil seiner Lehre und nicht einmal der plausibelste; deren ohne sein Mitwirken vorgenommene Weiterentwicklung zu einer Art Markenzeichen des Bauhauses und die damit verbundene Popularität heute hätte ihn deshalb sicher verwundert.

Ab 1928 hielt Kandinsky darüber hinaus freie Malklassen ab, bei denen er versuchte, die Grundlagen seiner Kunst in Worte zu fassen und ihre nur scheinbar Regeln folgenden Gestaltungsprinzipien den Studierenden zu vermitteln.