Aktzeichnung aus dem Unterricht Schlemmer
Klaus Barthelmess, Aktzeichnung aus dem Unterricht Schlemmer, 1922, Bleistift

Aktzeichnen und Oskar Schlemmers Unterricht "Der Mensch"

Aktzeichnen war immer Bestandteil des Bauhaus-Curriculums gewesen, Feininger, Itten, Klee, Schlemmer, Kuhr, später auch Joost Schmidt haben abwechselnd diesen Unterricht erteilt. Trotz aller Ablehnung akademischer Lehrinhalte galt er als unverzichtbar. Da ihm am Bauhaus andererseits nicht der Stellenwert zugemessen wurde wie an Kunstschulen, blieben die Ergebnisse peripher und wurden in der Öffentlichkeit - verglichen mit der Popularität der Kurse von Itten oder Kandinsky - kaum beachtet.

Aktzeichnen am Bauhaus folgte auch nicht akademischen Regeln. Unterschiedliche Lehrer setzten abweichende Schwerpunkte. Bei Itten war es die Erfassung des rhythmischen Zusammenspiels der Körperglieder und der Aufbau des gesamten Körpers, die in expressiven Studien festgehalten wurde; bei Klee ging es um die Darstellung der Tektonik des menschlichen Körpers in einfachen Strichzeichnungen, wobei die für die Bewegung notwendigen Gelenke punktförmig hervorgehoben wurden; aus den Studienarbeiten bei Schlemmer geht deutlich hervor, wie sehr er ein idealisiertes Menschenbild fernab von realistischer Darstellung vermittelte. Rückblickend betrachtet scheint es für die Mehrzahl der Lehrenden von größerem Interesse gewesen zu sein, die Mechanik des Körpers zu erläutern, als für die Studierenden ein Bild vom Menschen jenseits der Anatomie zu entwickeln und sie mit philosophischen Fragestellungen vertraut zu machen.

Auf dem Unterricht im Aktzeichnen aufbauend entwickelte Oskar Schlemmer 1926/27 einen Kurs zur allgemeinen Proportionslehre des menschlichen Körpers und ein umfassendes Lehrkonzept zum Menschen, das sowohl formale, biologische als auch psychologische und philosophische Aspekte einschloß. In Schlemmers Unterricht "Der Mensch" fließen viele Einflüsse ein. Im Unterschied zu vielen anderen Kursen und trotz eines eher gedankenschweren Programms wurde hier Wissen vermittelt, das in vorbereitete Arbeitsbögen einzutragen war. Er ist mit seiner Betonung von Gesetzmäßigkeiten ein typisches Produkt des Versuches einer Verwissenschaftlichung des Unterrichts in der Meyer-Ära.