Lattenstuhl
Lattenstuhl aus braun gebeizter und gewachster Eiche, Bespannung aus schwarzgefärbter Wolle
Stahlrohrstuhl
Stahlrohrgestell verchromt mit Gurten aus Salz+Pfeffer-Stoff

Die Möbelwerkstatt

Keine Werkstatt hat das Bild des Bauhauses nach außen so nachhaltig bestimmt wie die Möbelwerkstatt. Zuerst wurde sie von Johannes Itten geführt. 1921 wird Walter Gropius Formmeister und läßt die Werkstatt Teile der Ausstattung seiner Bauten ausführen.

Zur Bauhaus-Ausstellung 1923 vermittelt das Haus am Horn eine der frühesten und radikalsten Vorstellungen des 'Neuen Wohnens', und Gropius schafft gleichzeitig mit der Ausstattung seines Direktorzimmers ein modernes Gesamtkunstwerk, das traditionelle Formen der Repräsentation weit hinter sich läßt. Auf der Ausstellung werden erstmals Möbel vorgestellt, deren Konzeption sichtbar Gropius' 'Grundsätze der Bauhaus Produktion' umsetzen, nach denen jedes Ding seine Funktion praktisch erfüllen, haltbar, billig und schön Marcel Breuers Lattenstuhl scheint Gropius' Vorgaben perfekt zu erfüllen: ästhetisch ansprechend und mit einer Funktionsanalyse versehen wird diese Stuhlskulptur zu einem der bekanntesten Entwürfe des Weimarer Bauhauses, der sogar in kleinen Serien in der Weimarer Werkstatt handwerklich hergestellt werden kann.

In Dessau 1925 selbst zum Werkstattleiter ernannt, konnte Breuer seine Gestaltungsideen mit Hilfe des Stahlrohres in radikalisierter Form umsetzen. Es entstehen eine Reihe von Stuhlentwürfen, die die technischen Möglichkeiten des Werkstoffes nutzen, um das traditionelle Sitzmöbel nicht nur zu vereinfachen, sondern ihm auch - unterstützt durch die reflektierende Oberfläche - eine andere Ästhetik zu geben. Diese Möbel werden zu Symbolen eines neuen Einrichtungstils und zum Inbegiff der Neuausrichtung des Dessauer Bauhauses.       

Mit dem Abgang von Breuer 1928 verändern sich unter dem neuen Direktor die Ziele der Werkstatt: Statt Einzelanfertigungen, die durch ihre Gestaltung die Herkunft aus dem Bauhaus nicht verleugnen können, verschob sich das Profil jetzt hin zu Möbeln, die unter Verwendung einfacher Materialien bis zur Produktionsreife ausgearbeitet wurden. Hannes Meyer prägte dafür den Slogan "Volksbedarf statt Luxusbedarf". Vom Bauhaus zusammengestellte Mustereinrichtungen zeigen die Veränderungen: Die Anzahl der Möbel reduzierte sich, viele mußten daher multifunktional sein. Ihr Entwurf vermied bewußt jeden ästhetischen Mehrwert. Programmatisch wurde durch Materialauswahl und Detailgestaltung ein handwerklich wirkendes Erscheinungsbild vermieden.

Da Aufträge auf Grund der wirtschaftlichen Situation ausblieben, wird die Werkstatt unter Mies van der Rohe weitgehend stillgelegt. Er hatte seine bekannten Stahlrohr- und Stahlbandmöbel bereits entwickelt, bevor er Direktor des Bauhauses wurde. Zu Bauhaus-Möbeln werden sie durch ihre Vorbildfunktion: Studierende meinen nur mit ihnen die zwingende kompositorische Übereinstimmung in ihren Studienarbeiten herstellen zu können, die Mies in seinen gerade fertiggestellten Bauten erreicht hatte. Die letzte Phase des Bauhauses wird deshalb beherrscht von Vorbildern, deren ästhetische Qualität auch heute noch kaum wiederholbar erscheint. Mies' Schüler würden ohne sie entscheidendes vermissen.