Erich Borchert, ohne Titel (zwei Frauen und ein Mann), Fotografie einer verschollenen Wachskreidezeichnung, um 1927, Bauhaus-Archiv Berlin

Erich Borchert, ohne Titel (zwei Frauen und ein Mann), um 1927

Erich Borchert, ohne Titel (zwei Frauen und ein Mann), Fotografie einer verschollenen Wachskreidezeichnung, um 1927, Bauhaus-Archiv Berlin

Erich Borchert

Der gebürtige Erfurter Erich Borchert trat am Bauhaus, das er von 1926 bis 1930 besuchte, insbesondere mit experimentellen Arbeiten auf dem Gebiet der Malerei und der Grafik hervor, bevor er sein Studium 1930 mit einem Diplom aus der Werkstatt für Wandmalerei abschloss. Bereits 1928 hatte er mit einigen seiner Mitstudenten, darunter Xanti Schawinsky, Fritz Kuhr und Lou Scheper, die Ausstellung Junge Bauhausmaler organisiert, die in wichtigen Kunstvereinen quer durch Deutschland gezeigt wurde und den Beteiligten einen erfolgreichen Karrierestart auf dem Kunstmarkt versprach. Borcherts Ziele gingen jedoch darüber hinaus: Sein starkes Interesse an sozialen Fragestellungen schlug sich in seinem Engagement in der KPD nieder. Konsequent ergriff er die Möglichkeit, am Aufbau der sozialistischen Gesellschaft mitwirken zu können, indem er 1930 seinem Bauhaus-Lehrer Hinnerk Scheper, der mit der Farbgestaltung sowjetischer Wohn- und Industriearchitektur beauftragt worden war, nach Moskau folgte. Als Scheper 1931 desillusioniert nach Deutschland zurückkehrte, übernahm Borchert dessen Posten im Trust Maljarstroj/Gosotdelstroj. Eine Einzelausstellung im Neuen Museum für Westliche Kunst in Moskau würdigte 1933 Borcherts in Russland entstandene Gemälde und Zeichnungen, die mehrheitlich deutschen Themen gewidmet waren. Neben Farbplänen für Bauten und deren Ausführung entstanden nach 1933 anklagende Karikaturen gegen die Hitlerdiktatur sowie eine beachtliche Anzahl an privaten Aquarellen und Zeichnungen. Als 1939 der Trust geschlossen wurde, war Borchert gezwungen, seinen Lebensunterhalt als freier Kunstmaler und Zeichner zu verdienen – was sich angesichts der Ablehnung seiner Karikaturen durch die sowjetische Zensur als in hohem Maße schwierig erwies. Durch seine Heirat mit der Malerin Sofija Matwejewa 1938 sowjetischer Staatsbürger, wurde Borchert 1941 dennoch als feindlicher Ausländer in die Arbeitsarmee beordert und dort wenig später eines „faschistischen Diversionsaktes“ beschuldigt. Zwar wurde das verhängte Todesurteil Anfang 1944 in zwanzig Jahre Arbeits- und Besserungslager umgewandelt, doch Borchert erlag noch im selben Jahr den Haftbedingungen im Gulag.

In Erich Borcherts Werk entfaltet sich eine breite Palette künstlerischen Schaffens, das von frühen Landschaftsstudien aus dem Erfurter Raum über experimentelle Zeichnungen und Auftragsarbeiten der Werkstatt für Wandmalerei am Bauhaus hin zu Aquarellen und Zeichnungen mit Motiven aus seinem persönlichen Umfeld und antifaschistischen Karikaturen reicht.

Exemplarisch steht Borchert auch für die sogenannte verschollene Generation, die durch den aufkommenden Nationalsozialismus in Deutschland in der Fortführung ihrer künstlerischen Arbeiten gehindert wurden. Einige von ihnen brachen voll jugendlicher Erwartungen und utopischer Ziele in die Sowjetunion auf, wurden dort mit offenen Armen und zahlreichen Aufträgen empfangen, gerieten jedoch zunehmend in Bedrängnis und wurden während der Stalin‘schen Säuberungen erschossen oder kamen wie Borchert im Arbeitslager um. Damit fiel neben ihrer Biografie auch das künstlerische Werk fast vollständig der Vergessenheit anheim. Umso mehr freuen wir uns, dass die Familie Kolchenko uns Fotografien der verschollenen Werke Erich Borcherts großzügig überlassen hat und wir mit dieser Auswahl von 36 Arbeiten ein Zeugnis seines Schaffens veröffentlichen können.