Bauhaus and me, ein Projekt der Bauhaus Agenten Berlin und der Bertolt-Brecht-Oberschule Spandau, Foto: Catrin Schmitt

Wie viel Struktur braucht man, wie viel Freiheit?

Berliner Schüler tanzen das Bauhaus

Schülerinnen und Schüler in Berlin-Spandau haben sich fast drei Monate lang mit dem Leben und Werk der Menschen beschäftigt, die am Bauhaus gelehrt und gelernt haben. Zusammen mit der Choreografin Jo Parkes haben sie daraus ein Tanzstück entwickelt. Die Berliner Bauhaus Agentin Friederike Holländer hat das Projekt zusammen mit Jo Parkes im Rahmen des Bauhaus Agenten Programms konzipiert, das das Bauhaus-Archiv in Berlin auf Initiative der Kulturstiftung des Bundes umsetzt. Wir haben Jo als Pro-jektleiterin und die Schüler Alicia, Osman und Kaan nach ihren Erfahrungen gefragt.

„Bauhaus and me“ war am 21. Januar 2019 bei 100 jahre bauhaus. Das Eröffnungsfestival in der Akademie der Künste am Hanseatenweg zu sehen.

Wie viel Struktur braucht man, wie viel Freiheit?

Liebe Jo Parkes, wie übersetzt man Architektur in Bewegung?

Jo Parkes: Ich habe daraus ein Forschungsprojekt gemacht. Für das erste Projekt, das noch auf dem Gelände des Bauhaus-Archivs stattfand, hatte ich kleine Aufgaben vorbereitet, die die Schülerinnen lösen mussten, um die Räume dort mittels ihrer Körper zu erforschen. Wir haben draußen angefangen, und eine Aufgabenstellung, die ganz ohne Sprechen gelöst werden musste, war zum Beispiel: Steh so weit weg von allen Menschen, wie Du kannst. Geht in die Mitte des Raums und kommt dicht zusammen. Bildet die längste Verbindung über die Rampe am Eingang. Dadurch haben wir ein Bewusstsein dafür geweckt, wie Kontraste und Formen in dem Gebäude wirken, und untersucht, wo die Architektur z.B. Geschwindigkeit fordert, wie das die Rampen tun. Was fordert die Architektur von mir? Wo zieht mich das Licht hin? Gibt es Wege, die ich gezwungen bin zu gehen? Diese Formen haben wir dann nach innen transportiert und dort umgesetzt – ohne die Architektur, nur mit Bewegung.

Wie sind Sie an die Arbeit mit den Jugendlichen herangegangen, was war Ihr Ausgangspunkt für das Projekt „Bauhaus and me“?

Dieses Projekt wollte ich unbedingt gemeinsam mit den Jugendlichen entwickeln. Ich wollte nicht rein-kommen und sagen: Das machen wir so und das so. In der ersten Woche haben wir deshalb Fragen ge-stellt und Antworten gesammelt: Was weißt Du über das Bauhaus? Viele dachten erst einmal an den Baumarkt. Und dann hatten wir eine Pause für zwei, drei Wochen und die Schülerinnen hatten die Aufgabe, auf die bauhaus100-Website zu gehen und dort zu recherchieren. Sie sollten etwas finden, was sie interessiert. Nicht das allererste Ding, sondern das, was sie wirklich interessiert. Und jeder musste das dann mitbringen und auch eine Bewegung dazu, die erklärt, wieso das spannend ist für ihn. Viele haben einzelne Künstler ausgewählt – sie hatten einfach eine Verbindung zu diesen Biografien der ja meist noch sehr jungen Bauhäusler. Viele von den Mädchen haben sich mit den Frauen identifiziert: „Die durften nur weben! Aber wie toll, dass sie dann doch ihre Freiheit darin gefunden haben!“ Es ging sehr über die menschliche Ebene. Und dann dachte ich, nehmen wir doch „Leben am Bauhaus“ als unseren Ansatz. Das wollte ich nicht formell behandeln, sondern einen Prozess in Gang setzen, der dem ähnelt, den die Bauhäusler damals durchmachten. Dass diese Gruppe von Individuen zusammenkommt und jeder einen starken Beitrag leistet, aber wir das letztlich als Kollektiv machen. Ich wollte, dass wir diesen Prozess leben. In diesen Zeiten, die auch nicht einfach sind.

Sie sehen Parallelen zwischen den „schwierigen Zeiten“ damals und heute – empfinden die jungen Leute das auch so?

Die jungen Leute sehen das gar nicht so, meine Haltung ist da leider eine andere. Ich denke, das waren Zeiten, wie vielleicht heute auch, in denen ein Neubeginn stattfinden musste. Das Stück fängt auch an mit einem Zitat von Anni Albers, dass man zurückgehen muss zu den Grundbausteinen, zum Elementaren, zur Einfachheit. Sie meinte, wenn man im Wirrwarr der Meinungen eine Gewissheit suchen wollte, einen Grundstein für die zukünftige Arbeit, müsse man wieder ganz am Anfang anfangen. Diesen Ansatz haben wir mit unseren Körpern umgesetzt. Wir haben das Pädagogische Skizzenbuch von Paul Klee genommen und vieler dieser Grundformen in Bewegung umgesetzt, z.B. Punkt und Linie, Pendel und Schaukel, und untersucht, was das mit dem Körper macht. Wir sind von den Grundbewegungen ausgegangen: Gehen, Stopp, Fallen, Schwingen, Springen ...

Was hat Sie in der Arbeit mit den Jugendlichen am meisten überrascht?

Was mich am meisten überrascht hat, war, wie sehr sie sich auf abstrakte Dinge einlassen konnten, auf ganz feine, minimalistische, kleine Sachen. Wir hatten die Idee mit den Podesten, dass die Körper darauf die Museumsobjekte sind. Das Stück fängt so an, dass die Schülerinnen auf den Podesten eine Pose suchen, so fünf Minuten mit geschlossenen Augen stehen und dann langsam die Augen aufmachen. Die ganze Sequenz ist sehr langsam, dauert fast zehn Minuten, aber sie haben das von Anfang an verstanden und mit einer solchen Qualität umgesetzt …!

Ich war auch überrascht, wie souverän sie mit Improvisation umgehen. Es gibt einen zweiten Teil im Stück, der reines Spiel ist, wo sie live reagieren müssen auf Interventionen vom Publikum, und in vielen Momenten im Stück werden ihre spontanen Reaktionen als solche offen gelegt. Dass sie das so souverän machen, zeigt eine erstaunliche Reife.

Was haben Sie von den Jugendlichen gelernt?

Wenn ich mich auf sie einlasse, dann lassen sie sich auf mich ein – das habe ich gelernt. Und dass man einen kollektiven Prozess nicht künstlich beschleunigen kann, auch wenn man unter Zeitdruck steht! Es muss Zeit geben für Austausch und Reflexion, um Schwierigkeiten und Frustrationen zu äußern, sonst nimmt man nicht alle mit. Ich habe auch nochmal erfahren, dass man mutig sein kann mit jungen Men-schen. Wir haben ja nicht viel Zeit und das Projekt ist sehr ambitioniert, es verlangt viel von den Tänzern, aber ich vertraue darauf, dass das Ergebnis gut sein wird. Auch das Forschungsprojekt, die Frage, was interessiert euch am Bauhaus, war ein sehr spannender Prozess. Man muss für dieses weite Feld „Bau-haus“ irgendwie Anschlusspunkte finden, das greifbar machen. Und gerade schaffen wir etwas Eigenes, das zwar bestimmten Prinzipien folgt, aber darin nicht gefangen ist. Es ist dieser Prozess, der mich interes-siert, und ich bin gespannt auf die Reflexion danach, wenn wir uns nochmal fragen, wo haben wir ange-fangen und wo sind wir jetzt.

Was haben Sie über das Bauhaus gelernt?

Zum einen habe ich diese Grundidee noch mal ganz neu verstanden, wie spannend es ist, zu den Basics zurückzugehen, zur Einfachheit. Zum anderen habe ich gelernt, die Menschen des Bauhauses zu verstehen und zu lieben, als junge Menschen, die sich selber ausgetestet haben – was es heißt, als eine Gruppe von Gleichgesinnten zusammenzukommen und zu versuchen, eine neue Art von Leben aufzubauen in schwierigen Zeiten. Das ist auch unsere Frage zurzeit. Wie viel Struktur braucht man, wie viel Leitung, aber auch wie viel Freiheit? Wann kann man loslassen, wann braucht man eine starke, magnetische Persönlichkeit? Ich glaube daran, dass man die Individuen stärken muss, aber als Kollektiv stärken – das ist etwas, das wir üben müssen in unserer Gesellschaft.

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