Schwerin Wooden Toys – eine Bauhaus-Werkstatt in Jerusalem
Die Sammlung des Bauhaus-Archiv dokumentiert mit rund 1.000.000 Objekten die Geschichte der Kunstschule. Jedes Jahr entdeckt das Team neue Werke, die vom Bauhaus erzählen und in die Sammlung aufgenommen werden. In loser Folge stellen die Mitarbeiter*innen ausgewählte Neuzugänge vor. Dieses Mal: Holzspielzeug von Heinz und Ricarda Schwerin.
Ricarda Meltzer und Heinz Schwerin hatten sich am Bauhaus kennengelernt. Da sie sich kommunistisch engagierten, mussten sie 1932 die Schule ohne Abschluss verlassen. Im Nationalsozialismus gerieten sie ernsthaft in Gefahr. Aufgrund kommunistischer Aktivitäten wurde Heinz inhaftiert und konnte durch Glück entkommen. Dank der Entschlossenheit und Hilfe ihrer ehemaligen Mitstudierenden Etel Mittag und Ernst Fodor gelang es den beiden, über die Schweiz und Ungarn 1935 nach Palästina zu fliehen.
In Jerusalem gründeten Heinz und Ricarda Schwerin eine Werkstatt zur Produktion von Spielzeug, das sie unter dem Namen „Schwerin Wooden Toys“ verkauften und ausstellten. In einem Brief an den ehemaligen Bauhaus-Direktor Hannes Meyer beschrieb Ricarda Schwerin 1948 rückblickend ihre Tätigkeit: Die Produktion der Werkstatt half ihnen finanziell durch Krisenzeiten und verschaffte ihnen eine gewisse Unabhängigkeit. In einer selbst gestalteten Broschüre benannten sie sieben Gestaltungsprinzipien, die an reformpädagogische Grundsätze erinnern. Stabil, waschbar, schlicht in der Form, sicher, günstig und fantasieanregend solle Spielzeug sein. Die Grundsätze schließen selbstbewusst mit dem Satz: „Du sollst ein ‚Schwerin Wooden Toy‘ sein.“
Architektur mit Motiven aus dem Schiffsbau
Trotz der erfüllenden Werkstattarbeit und dem Kontakt zu Freunden aus der Bauhaus-Zeit erinnert der Sohn des Ehepaars Tom Segev in einem taz-Interview am 13. Juli 2013 mit Sonja Vogel die Schwierigkeiten seiner Eltern im Exil: Sie haben „eine hohe Kultur verloren […], und dazu gehörte sicher auch das Bauhaus […]. Sie haben hier gelebt, wie sie in Europa gelebt hätten – aber auch eine Illusion, eine Bauhaus-Illusion.“
1948 verunglückte Heinz Schwerin. Ricarda eröffnete eine Einrichtung für geflüchtete Kleinkinder und verfolgte ab Mitte der 1950er-Jahre zunehmend ihren Weg als Fotografin. Viele bedeutende Persönlichkeiten ihrer Zeit fanden den Weg vor ihre Kamera. Bekannt wurde beispielsweise das Porträt von Hannah Arendt mit Zigarette im Lehnstuhl.
Das Studium am Bauhaus prägte die transkulturelle Lebensgeschichte von Heinz und Ricarda Schwerin. Ihre Arbeiten bereichern die Sammlung des Bauhaus-Archivs aus verschiedenen Perspektiven: Am Bauhaus lernte und lehrte eine internationale Gemeinschaft, die sich auch nach dem Studium den Gestaltungsideen des Bauhauses verbunden fühlte. Damit zeigen die Produkte der Werkstatt „Schwerin Wooden Toys“ exemplarisch die Durchsetzungskraft von zwei politisch verfolgten Bauhäusler*innen. Ihr Schicksal steht dabei in Verbindung zu vielen anderen Studierenden der Schule, die ebenfalls vor dem Nationalsozialismus fliehen mussten. Die Holzspielzeuge sind nicht zuletzt ein Zeugnis der vielfältigen Beschäftigung mit dem Thema Spiel und Spielzeug von Bauhaus-Künstler*innen.

