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Was macht eigentlich … Nina Schönig, Archivarin

#Backstage
7.3.21
5
min Lesezeit

Was macht eigentlich ...

... das Team des Bauhaus-Archivs, während Museum und Archiv geschlossen sind? Hier stellen wir uns in kurzen Interviews vor.

Nina Schönig ist Archivarin (Fotografie) am Bauhaus-Archiv / Museum für Gestaltung.

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Liebe Nina, was beschäftigt dich im Moment?

Wir haben gerade einen wunderbaren Ankauf bekommen, ein Konvolut mit Fotos von Kurt Kranz, der von 1930 bis 1933 am Bauhaus studiert hat und sein Bauhaus-Diplom in der Reklameabteilung gemacht hat. Er hat viel für Reklame fotografiert, aber auch das Zusammenleben am Bauhaus dokumentiert. Es sind fast sechzig Abzüge und nochmal um die sechzig Negative. Ich sichte das alles, schaue, ob es wirklich Vintage Prints sind, d.h. Original-Abzüge aus den 1920er- und 1930er-Jahren, oder ob es Reproduktionen sind, die möglicherweise viel später von jemand ganz anderem gemacht wurden. Ich versuche auch zu identifizieren, wer und was auf dem Foto zu sehen ist. Dann ist es meine Hauptaufgabe als Archivarin, diese Objekte so eindeutig zu benennen und zu verzeichnen, dass man sie ebenso in der Datenbank wie im Depot wiederfinden kann.

Du bist unsere Expertin für die Fotosammlung, die ja sehr groß ist …

Die Sammlung umfasst ca. 70.000 Abzüge, und es werden ständig mehr. Wir sammeln seit den Anfangstagen des Bauhaus-Archivs im Jahr 1960 Fotografien. Das sind natürlich Fotos aus der Bauhaus-Zeit und danach, Fotos von Werken von Bauhäusler*innen, aber auch vom New Bauhaus und anderen Nachfolgeinstitutionen, Porträts von Leuten, die am Bauhaus waren oder eine Verbindung zum Bauhaus hatten, und ganz viele Privatfotos. Zum Beispiel die Reisealben von Gropius – Walter Gropius und seine Frau Ise sind ja viel gereist und haben dabei ebenso viel fotografiert: in Amerika, z.B. im Grand Canyon, in England, im damaligen Jugoslawien. In der Sammlung sind auch unzählige Glas- und Filmnegative sowie Dias, wie zum Beispiel in Walter Gropius' großer Glasdiasammlung.

Was sind die Herzstücke der Sammlung?

Das vielleicht wichtigste Konvolut – abgesehen von Gropius' Nachlass – ist der fotografische Nachlass von Lucia Moholy. Er umfasst allein ca. 1.000 Negative. Sie hat das Leben am Bauhaus, aber auch die Produkte dokumentiert, vor allem die Bauhaus-Architektur in Dessau. Das sind die ikonischen Fotos, die heute so bekannt sind. Das Konvolut umfasst aber auch Fotos aus ihrem späteren Leben, sie war ja eine hervorragende Porträtfotografin. Lucia musste emigrieren und hat sich bis zu ihrem Tod – sie ist über 90 geworden – mit Fotografie und der Rezeption des Bauhauses befasst.
Auch von T. Lux Feininger haben wir einiges. Er war erst 16, als er am Bauhaus eingestiegen ist, und war häufig mit der Kamera dabei als Chronist.
Von Erich Consemüller haben wir sehr schöne Objektfotos. Von ihm stammt z. B. die „berühmte Unbekannte“ auf dem Breuer-Sessel, der in unserer Jubiläumsausstellung ein Kapitel gewidmet war. Von Walter Peterhans, der, wenn auch erst ab 1929, die erste Fotoklasse am Bauhaus unterrichtet hat, besitzen wir wunderschöne surreale Stillleben.

Weißt du eigentlich, wie alle Bauhäusler*innen aussahen? Die Fotosammlung funktioniert ja fast wie ein großes Familienalbum des Bauhauses.

Für die Fotosammlung bin ich ja noch nicht so lange zuständig – aber über die Jahre lernt man sie alle schon sehr gut kennen. Wenn ich jemanden nicht erkenne, gleiche ich ab, lege zwei Fotos nebeneinander. Man baut schon eine Beziehung zu den Personen auf, taucht ein in ein fremdes Leben. Vor einigen Jahren habe ich mich mit dem großen Nachlass von Gertrud Arndt beschäftigt – da lernte ich dann, wie die Kinder aussehen, wie sie heißen, wie alt sie ungefähr auf den Fotos sind, und konnte daraus wiederum schließen, wann manches Foto entstanden sein mochte. Auch in das Leben vieler anderer Bauhäusler*innen habe ich so einen sehr persönlichen Einblick bekommen.

Die Bauhaus-Fotografie ist bekannt für die Spontaneität und Leichtigkeit vieler Bilder. Waren das wirklich alles Schnappschüsse?

Das hing sehr von den technischen Gegebenheiten ab. Gertrud Arndt hatte zum Beispiel noch eine Glasplattenkamera. Damit war es relativ aufwendig, ein Foto zu machen. Zum Beispiel musste man die Platte in völliger Dunkelheit in die Kamera legen. Durch die Platten waren die Kameras groß und schwer und man brauchte oft noch ein Stativ. Umso erstaunlicher ist es, dass Gertrud Arndt damit auch Schnappschüsse von ihren Kindern gemacht hat. Aber dann kam in der Bauhaus-Zeit ja die Kleinbildfotografie auf, Kompaktkameras wie die Leica – ganz viele Bauhäusler*innen hatten eine Leica – und das hat die Fotografie sehr vereinfacht und beschleunigt. Da war dann einfach ein Rollfilm drin statt der empfindlichen und schweren Platten.

Womit kann man dich noch überraschen?

Ich bin eigentlich ständig überrascht. Man weiß ja vorher nie genau, was einen erwartet, wenn ein neues Konvolut ankommt. Das ist immer ein bisschen wie Weihnachten. Möglicherweise springen einem gleich einige ganz neue Erkenntnisse entgegen. Außerdem weiß man nicht, in welchem Zustand die Sachen sind – da gibt es ab und zu auch weniger angenehme Überraschungen.

Wie sieht für dich das Archiv der Zukunft aus?

Digitalisierung ist ja gerade ein großes Thema. Das ideale Archiv sollte meiner Meinung nach beides sein, analog und digital. Das Digitale sollte das Analoge nicht ersetzen, sondern unterstützen, auch in Sachen weltweite Zugänglichkeit und Barrierefreiheit. Das ideale Archiv öffnet seine Türen und macht seine Schätze niedrigschwellig zugänglich. So ein offenes Archiv ist nicht nur für die internationale Forschung spannend, sondern für alle. Wer möchte, kann hinter die Kulissen blicken und Zusammenhänge über die Ausstellungsvitrinen hinaus entdecken.

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